Vegan, lokal, ausbeuterisch?

Ich habe eine kontroverse Meinung: ich mag vegane Donuts. Mir gefällt der Gedanke, dass das einzige leidende Tier bei Zubereitung und Verzehr ich bin. Zugegeben, der Verzehr selbst ist ziemlich leidensfrei, doch muss ich im Anschluss reichlich rennen, um einen Crème-gefüllten Donut mit Schokoglasur auch nur ansatzweise wieder von den Wänden meiner Arterien zu kratzen.
Weil nur ich gelitten habe, habe ich gerne bei Brammibal's in Berlin Donuts gegessen. Und das trotz steigender Preise, ein Donut kostet Ende 2025 zwischen 3,80 € und 4,80 €1. Vor kurzem habe ich dann jedoch erfahren, dass neben mir noch weitere Wesen unter der Produktion leiden – denn die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) Ost hat Brammibal's bestreikt, um auf das Leid der Angestellten hinzuweisen. Die NGG wirft dem Donut-Produzenten vor, Mitarbeitende häufig in der Probezeit zu entlassen, Benefits zu streichen und durch den Eintritt in den Tarifvertrag für Systemgastronomie2 deutlich zu niedrige Löhne zu zahlen.
Brammibal's streitet die Vorwürfe ab. T-Online zitiert “Die Löhne liegen demnach 'deutlich über dem gesetzlichen Mindestlohn, mit festgelegten und regelmäßigen Steigerungen'.” Während ich von außen nicht über Arbeitsbedingungen, Kündigungsverhalten oder Benefits urteilen kann, so kann ich mir doch die Aussage “[Löhne] deutlich über dem gesetzlichen Mindestlohn” einmal genauer ansehen – und dabei ein paar Daten visualisieren.
Zuerst einmal zu den Daten selbst: ich habe mir den aktuellen Tarifvertrag des Bundesverband der Systemgastronomie (BdS) angeschaut. Die dort genannten Löhne nennt Brammibal's auch in seinem “Statement” Story-Highlight. Damit gehe ich davon aus, dass die Zahlen stimmen.
Wir gehen rein
Was verdient man denn nun als Einstiegsgehalt bei Brammibal's, beispielsweise als Verkäufer:in, Barista oder Fahrer:in? Mehr als Mindestlohn! Also in den meisten Fällen, am 1.1.2026 erhält man zum Einstieg exakt den Mindestlohn. Und auch sonst sind die ersten drei Gehaltsstufen erstaunlich nah am Mindestlohn. Von den glorreichen 3 Monaten von Oktober 2026 bis Januar 2027 abgesehen, ist der Abstand zwischen BdS-Tarifvertrag Stufe 3 und dem Mindestlohn nie größer als ein Euro, ab 2027 sogar nur 45 Cent.
Das steht so auch ausdrücklich im Tarifvertrag: “Falls ab dem 1. Januar 2026 in der Tarifgruppe 1 der Mindestlohn unterschritten sein sollte, wird der Bruttostundenlohn für die Tarifgruppe 1 als Mindestlohn zzgl. 20 Cent berechnet. In diesem Fall wird Tarifgruppe 2 berechnet als Mindestlohn zzgl. 35 Cent und Tarifgruppe 3 als Mindestlohn zzgl. 45 Cent berechnet.”

Wie war das, mit dem “deutlich über Mindestlohn”? Das muss jede:r wohl selbst entscheiden, ob 20 bis 45 zusätzliche Cent pro Stunde nach zweifacher Beförderung tatsächlich ein so großer Lohnabstand sind, dass die Gewerkschaft zu Unrecht unzufrieden ist3.
Um fair zu sein: Brammibal's gibt an, weitere Benefits zu zahlen. Donuts gibt es umsonst (gut fürs Portemonnaie, schlecht für die Gesundheit), Deutschland Ticket ist billiger, Fitnessstudio ist billiger (gut wegen kostenloser Donuts), und an Sonntagen und in der Nacht gibt es zwischen 25 und 40 % mehr Geld. Als alter Kommunikationsprofi würde ich es so ausdrücken: am 1. Januar 2026 gibt es bei Brammibal's als Einstieg Mindestlohn Plus.
Und die anderen?
Eine Frage bleibt noch: zahlen andere besser? Nun, ich bin kein Experte für Löhne in der Gastronomie. Ich habe aber in diese Tarifbroschüre für das Hotel- und Gaststättengewerbe des Landes Berlin geschaut. Dieser Tarifvertrag, den die NGG mit dem Hotel- und Gaststättenverband Berlin (DEHOGA) verhandelt hat, schließt ausdrücklich auch Systemgastronomie mit ein.
In der Tarifbroschüre beginnt der Einstiegslohn für “Eisverkäuferin und Eisverkäufer” oder “Reinigungskräfte” bei 15,15 € und steigt in den folgenden beiden Stufen auf 15,68 € und 17,68 €.

Dort findet sich auch ein Abschnitt zum Mindestlohn: “Das Stundenentgelt der Entgeltgruppe 34 muss bis zum 30. Juni 2025 um 0,50 € höher als der gesetzliche Mindestlohn (Bund) sein. Die sich daraus ergebende Monatsvergütung erhöht sich ebenfalls entsprechend.”
Bei der DEHOGA gibt es also beim Einstieg mindestens 50 Cent über dem Mindestlohn, beim BdS nicht5. Am 1. Januar 2026 sind es bei der DEHOGA sogar 1,25 € mehr als Mindestlohn, während Menschen bei Brammibal's zum Einstieg Mindestlohn erhalten.

Ausbeute bei Brammibal's?
Natürlich kann ich den Tarifstreit nicht abschließend bewerten. Brammibal's hat Recht, wenn sie sagen, dass sie (meistens) über Mindestlohn bezahlen. In ihrer eigenen Kommunikation fehlt das Wort “deutlich”, das T-Online zitiert. Sie erzählen also formell nicht die Unwahrheit und sind in ihrem eigenen Statement vorsichtiger als es in der Presse zitiert wird.
Inwieweit der Tarifvertrag Ausbeutung ist, liegt im Auge der Betrachterin. Für manche ist der Mindestlohn an sich schon zu hoch, für vernünftige Menschen ist er viel zu niedrig – gerade in einer Stadt mit explodierenden Kosten wie Berlin. Die abschließende Bewertung muss jede:r selbst vornehmen.
Ich persönlich kaufe mein veganes Siedegebäck lieber dort, wo ich Fairness über die gesamte Produktionskette sehe – dazu gehört auch der Lohn der Menschen, die mir die 12er Box Donuts über den Tresen reichen.
Früher hätte ich sowas gesagt wie “das ist soviel wie ein Döner!”, aber das stimmt ja gar nicht mehr. Der Tauschkurs ist rund 2 Donuts pro Döner. Wann veganer-Dönerpreisbremse, Herr Merz? ↩︎
Andere Betriebe, die diesen Tarifvertrag nutzen, sind u. a. Burger King, Starbucks, KFC, Nordsee und Vapiano. Also alles Unternehmen, bei denen man sich eher selten von den hohen Löhnen oder guten Arbeitsbedingungen erzählt. ↩︎
Kleine Sidenote: Aufgrund des Beitritts von Brammibal's zum BdS-Tarifvertrag besteht “Friedenspflicht” für Gewerkschaften und Streiks sind tatsächlich nicht erlaubt. Ob Brammibal's vor oder nach dem Streik oder aufgrund dessen eingetreten ist, wird sich jetzt gestritten. Neue Streiks haben es jedenfalls aus rechtlicher Sicht schwierig. ↩︎
Aus einem mir nicht bekannten Grund beginnt die Tabelle mit Entgeltgruppe 3. Gruppe 1 sei “unbesetzt”, Gruppe 2 enthalten in Gruppe 3. Ich hoffe, dass es Menschen gibt, für die das Sinn ergibt. ↩︎
Perfide finde ich die Klausel “wenn der Tariflohn den Mindeslohn unterschreitet.” Denn bei Gleichstand gibt es keine automatische Anpassung, wie eben ab 1. Januar 2026, wenn BdS Stufe 3 ganze 20 Cent mehr erhählt als der dann aktuelle Mindestlohn. ↩︎


