Relationen

Ich habe hier eine schöne Grafik für euch gemalt. 

Und weil der Balken mit einem Pixel Breite so allein war, habe ich ihm einen Freund gemalt. Mit 910 Pixeln ist der ein bisschen länger.

Einfach weil ich es kann, hab ich den langen Balken um einen Pixel kürzer gemacht. Schaut mal, ob ihr einen Unterschied erkennen könnt.

Ganz schön schwierig oder?

Natürlich habe ich das nicht (nur) zum Spaß gemacht. Die Balken stehen für was. Der einsame Pixel steht für das Jahresbudget des Medienhauses correctiv.org, von dem ein paar von euch vielleicht schon einmal gehört haben1. Die 910 Pixel stehen für den bereinigten Jahresgewinn der Allianz Versicherungen im Jahr 2023 von schlappen 9,1 Milliarden Euro2.

Die beiden haben jetzt erstmal nicht direkt was miteinander zu tun. Sie zeigen aber, wie Relationen funktionieren. Unsere einfach gestrickten Hirne hören 10 Millionen € und 9,1 Milliarden € und können kaum erfassen, wie unterschiedlich diese Zahlen sind. Wenn man 10 Millionen von 9,1 Milliarden abzieht, merkt man das eigentlich gar nicht. 10 Millionen kommen nicht mal in der ersten Nachkommastelle von 9,1 Milliarden vor.

Wieso zeige ich das ganze nun?

Ich habe diesen Bericht der Tagesschau gelesen. Dort heißt es, dass deutsche Lebensversicherungsverkäufer (wie die Allianz) gesunde Menschen mit überstandener Krebserkrankung auch Jahre und Jahrzehnte später schlechter behandeln als Menschen ohne Krebsvorgeschichte. Die Begründung des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft ist, dass man fair den anderen Versicherten gegenüber sein wolle, und deswegen das befürchtete (aber nicht tatsächlich existierende) erhöhte Sterberisiko von gesunden Menschen mit überstandener Krebserkrankung nicht zu den selben Konditionen versichern wolle, wie bei anderen Menschen. Damit steht Deutschland übrigens ziemlich alleine, 15 andere Länder sehen das anders und haben entsprechende Regeln zur Gleichbehandlung von ehemals erkrankten und nun wieder gesunden Menschen umgesetzt.

Ich wollte wissen, wie finanziell schlimm das für Versicherer wäre, auch in Deutschland faire Konditionen anzubieten. Also schnappte ich mir die Allianz als Beispielunternehmen der Versicherungsbranche und ersten Google-Treffer beim Begriff "Lebensversicherung". Nach Betrachten der Zahlen würde ich mal behaupten, dass die Allianz (und vermutlich auch alle anderen Versicherer), sich sehr gut leisten könnte, alle Menschen zu fairen Konditionen zu versichern.

Weil ich nicht weiß, wie viele Menschen mit vergangener Krebserkrankung betroffen sind, habe ich mir andere Vergleichswerte genommen. Mit den 9,1 Milliarden Euro bereinigtem Ergebnis, sprich dem Gewinn, der Allianz Versicherung, könnte man das Jahresbudget von correctiv.org verdoppeln, und es würde keinen sichtbaren Effekt auf das Endergebnis der Allianz haben. Wenn man schon dabei ist, NGOs mit Geld zu beschmeißen, könnte man auch gleich die Jahreseinnahmen von 33 Millionen Euro einer Klimaschutzorganisation wie atmosfair3 verdoppeln und hätte immer noch über 9 Milliarden Euro übrig.

Wir brauchen also größere Summen, um hier vorwärts zu kommen. Also habe ich die 5 Milliarden Euro genommen, die man gerade beim Bürgergeld streichen will4. Aus dem Gewinn nur einer Versicherung könnte man die politisch gewollten Kürzungen beim Bürgergeld bezahlen – und die Versicherung würde immer noch mehr als 4 Milliarden Euro Gewinn machen5.

Das Geld für NGOs und Sozialleistungen fehlt also nicht wirklich. Es ist nur nicht dort, wo es gebraucht wird. Und das ist eine politische Entscheidung.

Das sind so Sachen, die man rauskriegt, wenn man Dinge in Relation zueinander setzt.


  1. Jahresbudget von correctiv im Jahr 2024 waren rund 10 Millionen Euro ↩︎

  2. Allianz Versicherung "Bereinigter Jahresüberschuss der Anteilseigner von 9,1 Milliarden Euro, ein Anstieg von 30,3 Prozent" ↩︎

  3. Jahreseinnahmen der Klimaschutz NGO atmosfair: 33 Millionen Euro in 2023 ↩︎

  4. Spiegel: So viel lässt sich durch eine Bürgergeldreform tatsächlich sparen ↩︎

  5. Natürlich ist mir klar, dass nicht die Allianz alleine alle großen und kleinen Finanzlöcher stopfen soll. Das Geschäftsergebnis der Allianz ist ein Beispiel für die enormen Summen, die Unternehmen jedes Jahr als Gewinn verbuchen und an Aktionäre und Investoren ausschütten, während an anderer Stelle um Bruchteile dieser Summen hart gekämpft wird. ↩︎

This article was updated on