Arbeitszeiterfassungsbetrug

Stellt euch vor, ihr sollt 20 Stunden pro Woche arbeiten. Ihr arbeitet eure Stunden ab, und auf einmal erscheint ein Meeting im Kalender. "Feedbackgespräch" mit dem Vorgesetztem. Das klingt nicht gut.
Euer Vorgesetzter zeigt euch das hier.

"Warum arbeitest du so wenig?", fragt euch der Vorgesetzte. "Da fehlen doch jede Woche ein paar Stunden!"
"Ähh... ich kann das erklären!", stammelt ihr, doch euer Vorgesetzter will nichts hören. "Ich sehe es hier schwarz auf weiß! Du arbeitest viel zu wenig – das ist Arbeitszeitbetrug!"
An dieser Stelle beenden wir zum Schutze eurer Psyche die Vorstellung. Das Szenario ist fiktiv – die Darstellung nicht. Die beliebte Personalverwaltungs- und Traumatisierungssoftware Personio stellt so tatsächlich die geleisteten Arbeitsstunden dar.
Die mathematisch hochbegabten unter euch haben sicherlich gleich errechnet, dass 4 h 30 min plus 5 h 30 min plus 7 h plus 3 h genau 20 h ergibt – die vereinbarte Wochenarbeitszeit. Es gibt also gar keinen Grund für ein Meeting.
Unser fiktiver visuell orientierter Vorgesetzter mit Hang zur Cholerik hingegen sieht sehr wohl einen Grund für ein Meeting. Die Balken zeigen ganz klar: Auch wenn ihr hin und wieder mal ein bisschen länger arbeitet, so sind die riesigen Lücken bis zur Soll-Arbeitszeit doch unübersehbar. Abstreiten zwecklos.
Wir brauchen wohl eine Visualisierung für diese Visualisierung.

Was aussieht, wie eine lineare Darstellung von Soll- und Ist-Zeit als Balkendiagramm ist tatsächlich eine grobe Verzerrung der Realität. Die Überstunden sind viel kürzer als die fehlende Arbeitszeit. Obwohl 30 min und 2 h jeweils einmal zu viel und einmal zu wenig gearbeitet wurden – also eine normale Form von flexibler Arbeitszeit – zeigt die grafische Darstellung mehr als die zweifache Länge bei der fehlenden als bei der gearbeiteten Zeit an.

Wenn wir die Pixellängen der fehlenden Stunden und Überstunden vermessen, finden wir die selbe Zeit von 30 min einmal als 30 px (fehlend) und 12 px (Überstunden) dargestellt. 2 h sind einmal 50 Überstundenpixel und 119 Fehlstundenpixel lang. 30/12 ergibt einen Verzerrungsfaktor von 2,5 und 119/50 einen Verzerrungsfaktor von 2,38. Personio lügt also nicht einmal konsistent, sondern verzerrt unterschiedliche Zeiten unterschiedlich stark.
Vermutlich ist das kein Fehler, sondern Absicht. Personio weiß, wie weit weg sich der 17 Uhr Feierabend um 16 Uhr anfühlt und wie schnell eine Stunde rum ist, wenn man mal eben schnell noch was fertig macht. Nicht Personio liegt daneben, unsere Wahrnehmung passt nicht zur Realität.
Vertrauen ist nicht so gut, Kontrolle ist besser.
Haltet also die Augen auf bei Darstellungen, die euch zum Nachteil gemacht werden können. Achtet auf numerische Werte, macht notfalls eure eigenen Dokumentationen oder Abbildungen. Nur weil eine Software mit einer simplen Abbildung impliziert, dass sie eine korrekte Darstellung eines Sachverhaltes anbietet, heißt es nicht, dass sie das auch tut. Bleibt skeptisch.
Her mit euren Abbildungen!
Habt ihr auch gelungene, scheußliche oder verwirrende Datenvisualisierungen in der Öffentlichkeit gefunden? Her damit! Ich würde mich freuen, sie zu reviewen!


